Smart Metering im Praxistest: Prozesse, Geschäftsmodelle und Perspektiven
Intelligente Messsysteme gelten als wichtiger Baustein der Energiewende. Doch zwischen regulatorischen Vorgaben, technischer Umsetzung und wirtschaftlicher Nutzung liegen in der Praxis noch einige Herausforderungen. Gleichzeitig wächst der Druck, Flexibilität im Energiesystem nutzbar zu machen, für Netze, für neue Tarife und für eine aktive Rolle der Kunden.
Im Interview ordnet Frank Hirschi, Manager bei HORIZONTE-Group GmbH, ein, wo Smart Metering heute operativ steht, welche wirtschaftlichen Potenziale sich bereits abzeichnen und wie sich die Rolle intelligenter Messsysteme in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird.
Frank Hirschi, Manager HORIZONTE-Group GmbH
Wo sehen Sie aktuell die größten Hürden bei der operativen Umsetzung von Smart Metering – insbesondere im Zusammenspiel von Regulierung (z. B. §14a EnWG) und bestehenden IT-/Prozesslandschaften?
Nach vielen Jahren Verzögerung ist der Rollout der intelligenten Messsysteme inzwischen endlich in der Breite angekommen. Das zeigen vor allem die Monitoring-Zahlen der Bundesnetzagentur. Dabei darf man aber nicht vergessen: Die Quoten sagen nur, wie viele Geräte eingebaut wurden – nicht, ob alles drumherum wirklich gut und stabil läuft. Themen wie Terminabsprachen mit Kunden, verfügbare Monteure, saubere Stammdaten oder die WAN‑Kommunikation tauchen dort nicht auf. Genau diese Punkte sorgen bei vielen Messstellenbetreibern aber regelmäßig für Probleme.
Vor allem wenn Messdaten nicht flächendeckend, zeitnah und zuverlässig verfügbar sind, lässt sich bspw. ein echter dynamischer Tarif nicht sauber umsetzen.
Die größte Herausforderung ist aber die Steuerung über intelligentes Messystem und Steuereinheit, und das über den gesamten End-to-End-Prozesses hinweg. Der zentrale Engpass ist der Steuerungsrollout selbst.
Das liegt nicht an einem einzelnen Problem, sondern an mehreren Faktoren, die zusammenkommen:
Erstens: Die ERP‑ und Prozesslandschaften sind noch nicht wirklich bereit für den Massenrollout. Vor allem auf Seiten der Messstellenbetreiber sind viele wichtige Funktionen – etwa Einbauprozesse, Abrechnung oder das Zusammenspiel von CLS‑Management und Gateway‑Administration – entweder nur sehr rudimentär umgesetzt oder noch gar nicht vorhanden.
Zweitens: Die technische Anbindung der Anlagen funktioniert bisher nicht in der nötigen Masse. In der Praxis hakt es genau dort, wo Theorie auf Baustellenrealität trifft. Die Zusammenarbeit zwischen MSB‑Monteur und Installateur ist zwar beschrieben, aber im Alltag noch nicht etabliert. Auch der angestrebte digitale Zielprozess mit EEBus‑Kopplung steuerbarer Anlagen braucht noch Zeit, bis er flächendeckend funktioniert.
Drittens: Einheitliche Vorgaben wie § 14a EnWG treffen auf sehr unterschiedliche Netzsituationen – vom urbanen Netz ohne Engpässe bis hin zum ländlichen Raum mit akutem Steuerbedarf. Zusätzlich sind die Regelwerke nicht immer stimmig: In manchen Gesetzen steht die Steuerung der Anlage im Fokus, in anderen die Steuerung am Netzanschlusspunkt. Das sind jedoch unterschiedliche Anforderungen, die in der Umsetzung einen großen Unterschied machen.
Welche Geschäftsmodelle oder wirtschaftlichen Hebel entstehen durch Smart Metering konkret – und für welche Marktrollen (z. B. Netzbetreiber vs. Vertrieb) sind diese heute schon tragfähig?
Wenn man die Diskussion nüchtern betrachtet, wird schnell klar: Der wirtschaftliche Mehrwert von Smart Metering entsteht nicht durch den Zähler an sich, sondern durch das, was man mit den Daten und der Flexibilität im System machen kann.
Die eigentlichen Hebel liegen im Smart Grid – also darin, Erzeugung, Verbrauch und Netzzustand intelligent aufeinander abzustimmen.
Was man heute schon gut sehen kann: Zum einen entstehen wirtschaftliche Vorteile durch flexible Verbräuche. Sobald relevante Lasten wie Elektroautos oder Wärmepumpen im System sind, lassen sich mit dynamischen Tarifen und einer netzdienlichen Steuerung spürbare Einsparungen erzielen. Modellrechnungen zeigen dabei klar: Je höher der Anteil an flexiblem Verbrauch, desto größer ist auch der wirtschaftliche Effekt.
Messstellenbetreiber schaffen mit Smart Metering vor allem die Basis für zukünftige Wertschöpfung. Netzbetreiber profitieren kurzfristig am stärksten – etwa durch mehr Transparenz im Netz und langfristig durch einen geringeren Bedarf an Netzausbau. Vertriebe haben kurz- bis mittelfristig ebenfalls Potenzial, vor allem über dynamische Tarife und Flexibilitätsprodukte. Aktuell stoßen sie dabei aber noch an Grenzen, weil es an Skalierung fehlt.
Wie wird sich die Rolle intelligenter Messsysteme in den nächsten 3–5 Jahren entwickeln insbesondere im Hinblick auf dynamische Tarife, Flexibilitätsmärkte und Steuerbarkeit dezentraler Anlagen?
Intelligente Messsysteme sind schon heute ein zentrales Element für die Digitalisierung der Energiewende. Mit zunehmender Verbreitung werden sie mehr und mehr zum operativen Rückgrat des Smart Grids. Dabei steht weniger die einzelne technische Lösung im Vordergrund, sondern vor allem, wie flächendeckend sie eingesetzt wird.
Das zeigt sich sehr konkret: Dynamische Tarife machen es möglich, den Stromverbrauch gezielt in günstigere Zeiten zu verschieben. So können Kunden ihre Kosten spürbar senken. Gleichzeitig entstehen mit der zunehmenden Elektrifizierung immer mehr Möglichkeiten, Flexibilität wirtschaftlich sinnvoll zu nutzen.
Ein entscheidender Schritt ist bereits absehbar: Steuerungsfunktionen wandern direkt in die Geräte. Dadurch braucht es perspektivisch keine separaten Steuerboxen mehr an der Schnittstelle zum Kunden. Die technische Architektur wird damit deutlich einfacher und besser skalierbar.
Ein gutes Beispiel dafür ist das bidirektionale Laden, das aktuell von Energieversorgern, Autoherstellern und weiteren Beteiligten erprobt wird. Elektroautos sollen künftig nicht nur Strom aus dem Netz beziehen, sondern bei Bedarf auch wieder Strom ins System zurückgeben. Lade- und Entladevorgänge können so gesteuert werden, dass Energie genau dann eingespeist wird, wenn sie im System gebraucht wird – und dafür auch vergütet wird.
Damit verändert sich die Rolle der Kunden grundlegend: Vom passiven Abnehmer hin zu einem aktiven Bestandteil eines flexiblen Energiesystems.
Gemeinsam mit Frank Hirschi bieten wir das OnlineSeminar „Smart Metering: Von den Grundlagen zur Umsetzung“ an. Das Online-Seminar vermittelt einen praxisnahen Einstieg in das intelligente Messwesen – von den rechtlichen und regulatorischen Grundlagen über technische Systemarchitekturen bis hin zu Marktrollen, Organisation und Wirtschaftlichkeit.
